
Heute wird es ein bisschen philosophisch-politisch auf meinem Blog. Darf es vielleicht auch mal.
Wir leiden kollektiv – und das sage ich ja schon länger – an einer Art Realitätsdysphorie. Uns geht es als Gesellschaft objektiv gesehen so gut, wie nie zuvor in der Geschichte. Wir haben alle genug zu essen, jederzeit warmes Wasser aus der Wand, es fallen keine Bomben auf unsere Dächer. Aber nach der dritten Bratwurst sagen wir am Abendbrotstisch: Wie schlimm soll es denn noch werden in diesem Land?
Heute war ich mit Pferd und Hund mal wieder im Pflegeheim. Dort sagte eine alte, bettlägerige Frau zu mir:
„Du hast es gut, du hast deine Tage noch vor dir!“
Was kann man darauf antworten? Stimmt – und ich bin froh darum! Es war einer dieser Momente, wo mir wieder einmal plötzlich klar wurde, wie gut es mir geht. Wie dankbar ich sein kann für das Leben, das ich führen darf. Dankbar für die vielen schönen Dinge, die ich erlebt habe und die ich hoffentlich noch werde erleben dürfen.




Das heißt ja nicht, dass immer alles rosig ist – ist es nicht, nicht in meinem Leben, nicht in diesem Land. Aber das heißt, es stünde uns gut zu Gesicht, uns ab und zu daran zu erinnern, wie gut es uns geht.
Wir sollten viel öfter dankbar sein und das Leben genießen.
Meine Besuche im Pflegeheim mit den Pferden, und vor allem Begegnungen wie mit dieser alten Frau heute, machen mich immer demütig mit Blick auf meine eigenen Probleme. Es kann so schnell so viel schlimmer kommen. Deswegen: Hast du zwei gesunde Arme und Beine? Starrst du nicht mit ALS, ME/CFS oder schwerer Demenz an eine eierschalenfarbene Decke? Hast du noch jede Menge Tage vor dir? Dann ist das Grund deinem Gott (wie immer du ihn nennst: Odin, Allah, Schicksal, Universum) zu danken und den Blick auf das zu richten, was du hast.
In diesem Sinne werde ich mich jetzt zu den Pferden begeben und die Kutsche anspannen. Mich darin üben, mein Leben zu genießen.

